Glycerinnebel im Fahrbetrieb gegen Raureif und Eis

18.12.2017

Feinsten Glycerinnebel verteilt eine Vorrichtung auf die Oberleitungen der Straßenbahnen, damit sich an den Fahrdrähten kein Raureif und Eis bildet. Die KVG testet in diesem Winter eine neue Vorrichtung, die den Einsatz im regulären Linienbetrieb erlaubt. Das Foto entstand während der Tests im Spätsommer (Foto: KVG AG).

KVG testet neue Methode zur Vereisungsprävention 


Kassel, 18. Dezember 2017. Vereiste Oberleitungen sind für Straßenbahnen ein Problem, denn Raureif und Eis können den Kontakt zwischen Fahrzeug und Stromabnehmer unterbrechen. Die Folgen reichen von unruhiger Fahrt durch die schwankende Energieversorgung bis zu Fahrtausfällen und Elektronikschäden an den Trams. Die KVG testet in diesem Winter eine neue Methode, um mit Glycerin das Vereisen der Oberleitungen zu verhindern. Der Clou dabei: Die Vorrichtung erlaubt den Einsatz im regulären Linienbetrieb.  

 

Methoden zur Vereisungsprävention sind nicht neu. Bereits seit 2013 lässt die KVG im Herbst und Winter ihren Schienenpflegezug, Wagen 317, bei frostigen Temperaturen in ihrem Streckennetz fahren, währenddessen mit einer auf den Stromabnehmer montierten Filzrolle Glycerin auf die Oberleitung gestrichen wird. 

 

Die Sache wirkt, hatte jedoch gewaltige Haken: Wagen 317, Baujahr 1970, tuckert mit höchstens 30 km/h über die Schienen, deshalb fast ausschließlich nachts. Zudem braucht die KVG für diesen Winterdienst ein gesondertes Fahrzeug sowie stets einen speziell für diesen Wagen geschulten Mitarbeiter, und den in der Nachtschicht. Das alles war reichlich viel Aufwand. 

 

Jetzt hat die KVG zwei Straßenbahnen, Wagen 616 und 634, mit einem neuen Stromabnehmer ausgestattet, zwischen dessen Schleifleisten eine Sprühanlage der Firma Rebs aus Ratingen befestigt ist. Hier sind in zwei Reihen jeweils 16 Sprühdüsen montiert, die den Fahrdraht mit Glycerin benetzen. Sobald die in der Anlage befindlichen induktiven Sensoren exakt die Position des im Zickzack gespannten Fahrdrahtes erfasst haben, steuern sie zwei der 32 Düsen an, aus denen ein Gemisch aus Glycerin, Wasser und Luft auf den Draht gesprüht wird. Dadurch wird das Gemisch, das mehrere Tage lang wirksam bleibt, punktgenauer und feiner dosiert auf der Oberleitung verteilt. 

 

Der große Pluspunkt aber ist, dass die Technik auf normale Straßenbahnen montiert und für Geschwindigkeiten bis 80 km/h zugelassen ist. Das erlaubt den Einsatz im regulären täglichen Linienbetrieb und auf sämtlichen Strecken, so auch im Lossetal. Ohnehin sind die Strecken durch das Lossetal, zum Druseltal, nach Vellmar und zur Hessenschanze jene in dem deutlich mehr als 100 km langen und durch ein Gefälle von bis zu sieben Prozent gekennzeichneten Schienennetz der KVG, die für Winterprobleme besonders anfällig sind. 

 

Vereiste Oberleitungen sind freilich nur ein Thema. Auch Weichen können einfrieren. Damit dies nicht so schnell geschieht, werden sie elektrisch beheizt. Bis zu 20 Grad Minus sind deshalb für die Weichen kein Problem. Bei noch strengerem Frost oder wenn Fahrzeuge den Schnee in den Anlagen verdichten, sind jedoch auch die Heizungen machtlos. Dann ist, wenn möglich, Muskelkraft gefragt: Mitarbeiter der KVG rücken mit Bunsenbrennern und Streusalz den kalten Massen zu Leib. In ihrem Betriebshof Wilhelmshöhe hält die KVG ein Silo vor, das mit bis zu 40 Kubikmeter Streusalz gefüllt werden kann. Bei angekündigtem Extremwetter sind bis zu 15 Mitarbeiter verschiedener Bereiche zusätzlich in Rufbreitschaft, die in Schichten rund um die Uhr das bereits eingeteilte Personal unterstützen, um zum Beispiel Fahrzeuge und Schienenwege betriebsbereit zu halten.

 

Abgestuftes Ersatzverkehrskonzept

Bei starken Schneefällen, vereisten Straßen oder bei Blitzeis startet die KVG vor allem auf Strecken mit starkem Gefälle wie etwa in Harleshausen oder im Stadtteil Philippinenhof ihr bereits vor Jahren entwickeltes gestuftes Ersatzverkehrskonzept. Dieses sieht zunächst den Ersatz der rund 28 Tonnen schweren Schubgelenkbusse durch 18 Tonnen-Solobusse vor. Wenn auch diese „Leichtgewichte“ nicht mehr fahren können, beauftragt die KVG Taxiunternehmen, damit Fahrgäste per AST an ihre Ziele gelangen. Ergänzt werden die Taxen in Ausnahmesituationen durch Funkwagen der KVG-Leitstelle. 

 

Wer ist zuständig für den Winterdienst in Haltestellen?

Für den Winterdienst in den Tramhaltestellen sowie den Fahrflächen, die sich Bahnen und Busse teilen (Nahverkehrsspuren), sind die Stadtreiniger Kassel zuständig. Dies betrifft etwa die Hälfte des Kasseler Schienennetzes. Auf der zweiten Hälfte leistet die KVG mit einem mit einem Schneeschild ausgerüsteten Unimog den Winterdienst selbst. Der Schneeschild-Unimog kann zudem auf Straßen eingesetzt werden. 

 

Bei den Bushaltestellen, die auf einem Gehweg liegen, sind die jeweiligen Grundstücksanlieger zum Winterdienst verpflichtet. Diese Haltestelle müssen auf einer Breite von mindestens 1,50 m von Schnee und Eis freigehalten werden, damit Fahrgäste gefahrlos ein- und aussteigen können und die Türen der Fahrzeuge nicht aufsetzen.

 

Im ÖPNV gilt ein eherner Grundsatz: Die Sicherheit von Menschen hat Vorrang. Bei extremen Witterungsbedingungen müssen Fahrgäste deshalb mit Verspätungen oder Ausfällen rechnen. Trotz aller Vorbereitungen und Notfallpläne rät die KVG deshalb allen Fahrgästen, bei einem Winterwettereinbruch mehr Zeit für ihre Fahrten einzuplanen und Geduld mitzubringen. 

NVV-Servicetelefon: 0800 - 939 - 0800 (gebührenfrei)
KVG